(über)lebensmittel

man kennt das ja.

es ist samstag abend und gerade beziehe ich die ausgelegene kuschelecke auf der couch, um nach einer langen woche mit süßem fernschlaf dank ryan gosling-oben-ohne-untermalung in den sonntag zu dämmern. da blinkt das handy und fragt mich frohlockend: gemma auf a bier (=gehen wir auf ein bier)?

ca 12 h und etliche halbe (=große biere) sowie einige schnäpse mit dem treffenden namen „medizin“ später wache ich auf. boah ist das hell. in relativ stabiler seitenlage öffne ich vorsichtig ein auge, um festzustellen, ok in meinem dusel hab ich mich tatsächlich abgeschminkt (sonst wäre augen öffnen ja auch nur erschwert möglich), ich trage ein überdimensioniertes t-shirt mit -wie passend- der aufschrift einer biermarke und auf meinem handy befinden sich keine gröber peinlichen oder panischen nachrichten. alles gut.

fast. in meinem kopf scheint sich das duracell-häschen eingenistet zu haben. und es trommelt. un-er-müd-lich. wie ein presslufthammer. mühsam erhebe ich mich, schlucke eine kopfwehtablette und sinke dann wieder in matten schlaf.

in den nächsten stunden wechseln sich dämmerschlaf- und wachphasen im bett und auf der couch ab, zwischendurch unterbrochen von ein paar nachrichten an den saufkollegen von letzter nacht, um die geschehnisse zu rekonstruieren. irgendwann fühle ich mich fit genug, um ohne ertrinkungsgefahr duschen zu gehen. das arme heben beim haare waschen und anschließenden föhnen verursacht zwar noch kurze kreislaufprobleme, aber im großen und ganzen würde ich sagen bin ich wiederhergestellt.

derartig erfrischt realisiere ich, dass das komische grummeln in meinem bauch nicht die spätfolgen von gestern sind, sondern tatsächlich hunger. im kühlschrank: jede menge. doch leider jede menge gesundes zeug. und das ist das letzte, was ich jetzt will. da hilft wohl nur eins.

ich wohne in österreich. in einer mittelgroßen stadt. die versorgung mit nahrungsmitteln an sonn- und feiertagen ist substandard. sie beschränkt sich großteils auf tankstellenshops, in denen sich tschecheranten (=saufköppe) in rauchschwaden hüllen und das ist wirklich nichts, was mein kleiner, gerade mal so lebensfähiger körper jetzt ertragen würde. doch ich wohn ja in der landeshauptstadt.

hier gibt’s am bahnhof einen ableger einer supermarktkette, der auch sonntags seine waren feilbietet. in einem beschränkten umfang, aber immerhin. und da ich mich mittlerweile auch wieder als fahrtauglich einschätze, erscheint mir das als ideale lösung, um meine gier zu stillen.

doch in dem moment, in dem ich mein auto absperre und ungeschminkt mit noch feuchten haaren in meiner batman-jogginghose und einem ausgewaschenem grünen hoodie plus alten skateschuhen auf den bahnhof zugehe, bereue ich den ausflug auch schon wieder. denn vorm eingang steht die zukünftige frau eines alten gspusis (=liebelei), blendend aussehend in ihrer converse-jeans-weißer-bluse-kombi und wartet. ich weiß auch auf wen. natürlich. ihren zukünftigen, der die welt gestern auf diversen sozialen medien davon unterrichtet hat, mit seinen freunden in der hauptstadt zu poltern. sie kennt mich vom sehen und schaut mich mit dem angewiderten blick an, mit dem frauen nun mal ihre vorgängerinnen ansehen, besonders, wenn sie selbst besser aussehen. in dem moment, in dem ich noch das stoßgebet zum himmel schicke, sein zug möge verspätung haben, stapft er auch schon freudestrahlend quer durch die halle auf sie zu. unsere blicke treffen sich, als ich schnell aufs rettende smartphone runterlinse. seiner erschrocken-verwirrt ob meines maroden anblicks, meiner beschämt. mit einem für meinen zustand dynamischen sprung hechte ich auf die rolltreppe und phantasiere schon davon, wie ich mit einer schüssel nudeln und bergen von geschmolzenem käse drauf auf der couch sitze.

vor dem supermarkt hocken ein paar besoffene punks mit ihren hunden und ich kann nicht anders, aber ich fühle mich ihnen in diesem moment verbundener als sonst. dürfte wohl die fahne sein und alkohol verbindet. hat man ja auch letzte nacht bemerkt. ich lächle ihnen zu, ein hund wedelt mit dem schwanz. schön, so friedlich.

im supermarkt selbst das übliche spektakel. müde heimkehrer von reisen, alkoholiker auf der suche nach fusel, gelangweilte studenten am weg zum studienort und ein paar verwirrte verkaterte wie ich, die planlos zwischen den engen reihen herumstolpern. als ich das kühlregal anstarre und versuche, geriebenen käse zu entdecken, steht plötzlich ein mann neben mir. er wirkt nicht ganz so hinüber wie der rest von uns. ich erwäge kurz, ihn zu fragen, ob er denn weiß, wo der käse ist, da fängt er an, in einer seltsamen sprache auf mich einzuschreien. er fuchtelt dabei wild mit den armen und spuckt bei jedem der so genannten worte in meine richtung. ich muss zugeben, ich fühle mich leicht überfordert. aber es wäre nicht österreich, würde nicht auch schon der securitymann daherkommen und ihn unsanft nach draußen befördern.

endlich entdecke ich den käse. das ganze kühlregal verschwimmt und wie der heilige gral scheint das sackerl (=der beutel) vor mir aufzutauchen. ich greife danach. glücklich. hoffnungsvoll. geistig schon beim auto.

„heeeeeeyyyyy….. du auch hier?“ (nö mein geist). ich drehe mich um. j. alte studienkollegin. man sieht sich hier und da, sagt hallo, verfolgt sich auf facebook, aber an sich nervt mich die frau eher. „äähm ja hallo.“ „wie geht’s denn? lang nicht mehr gesehen! wie wars gestern im e? schaust a bissl müde aus?“ (verdammt, ich sollte mal nachsehen, was ich oder mein kollege im suff da gestern so gepostet haben). „ja gut danke und dir? ja wir haben ein bier getrunken, du, aber es ist grad ein bissl eilig… ich muss eigentlich schnell wieder weiter.“ (mich aus unangenehmen gesprächen wursten: kann ich) „aso, klar, na dann. bis bald. wir könnten wieder einmal einen kaffee trinken gehen….“ ihre worte verhallen im gewusel.

am weg zur kassa komm ich mir mit meinem bissl käse fast lächerlich vor. naja wo ich schon da bin… nach einer schier unendlich langen wartezeit, in der sich drei runden quizduell ausgehen, bezahle ich schlussendlich ein menü aus besagtem geriebenem käse, einem erdbeerkuchen und einer dose energy drink. passt ja gut zusammen.

draußen vor der tür fragt mich ein punk, ob ich kleingeld hätte. ich überlege kurz, aber mir fällt ein, dass ich dazu in meiner geldbörse suchen müsste und obwohl ich weiß, dass ich selbstverständlich ein paar münzen hätte, sage ich (und ich spüre wie meine wangen rot werden), nein, hätte ich nicht. sorry freunde.

ich fahre nach hause. mein hunger ist einer schlappen gier nach kohlehydraten und fett gewichen. fast ferngesteuert trete ich den rückzug an. die außenwelt ist noch nichts für mich. nachdem ich mein auto in den stapelparker in der tiefgarage bugsiert hab, ein manöver, das mich in solchen momenten regelmäßig an den rande des wahnsinns bringt (ja dieser parksensor piepst aber auch so laut), schleppe ich mich schnaufend in die wohnung und setze nudelwasser auf. das nächste mal gibt’s pizza.

 

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