arschobst

erfahrungsgemäß ist es eine blöde idee, hungrig einkaufen zu gehen. wir wissen alle, dass wir dann dinge kaufen, die wir nicht brauchen, nicht mögen oder einfach nicht essen sollten, weil wir uns vor zwei tagen einen neuen bikini zugelegt haben, der kein bisschen schwimmreifen versteckt. wenn, dann mit einkaufszettel und scheuklappen, am besten noch minz-kaugummi kauend, so kann man die fehlkäufe zumindest weitestgehend eindämmen.

noch dümmer ist es aber, hungrig und mit einem akuten anfall von fernweh im herzen an einem herbstlich-grau-nassen tag einen supermarkt zu betreten, der eine gut sortierte obstabteilung hat. ich persönlich kaufe ja soweit es geht nur lebensmittel aus dem eigenen land und obst, das grade saison hat. denn erstens bin ich der meinung, dass wir selbst genügend gutes zeug haben, um auf papayas oder lychees verzichten zu können und zweitens schmecken die teuer und umweltbelastend eingeflogenen früchte meistens ohnehin nie so, wie dort, wo sie eigentlich herkommen. recht lebhaft ist mir noch in erinnerung, dass ich ca drei monate gebraucht hab, um mich an die müden und geschmacksneutralen bananen in österreich zu gewöhnen (ja die kauf ich dann doch, leider gibt’s in der umgebung von linz so wenige bananenplantagen), nachdem ich aus sri lanka zurück war und diese wunderbaren knackigen, fast schon kitschig schmeckenden minibananen meinen bananen-geschmacks-standard darstellten. also: keine exotischen früchte, wenn dann in kleinen mengen am wiener naschmarkt und aus.

dennoch liegt nun schon seit zwei wochen eine ananas in meinem kühlschrank. schräg. denn das ding ist leider so unhandlich, dass ich es weder platzsparend senkrecht noch waagrecht in meinem singlekühlschrank verstauen konnte. jedes mal, wenn ich etwas rausnehmen oder reingeben möchte, nervt mich die frucht. damit ich überhaupt noch etwas anderes unterbringen kann, muss ich jedes mal schlichten. und ich hasse schlichten. daran hab ich natürlich wieder nicht gedacht, als ich mir an jenem regentag, an dem ich eigentlich nur zur post nebenan wollte, genervt von unendlichen abstimmungsrunden wegen diverser projekte, dachte: oh, eine ananas wäre doch eine schmackhafte ergänzung meines täglichen müslis! ich liebe mich für solche aktionen.

ich mag ananas gern. allerdings eigentlich nur dann, wenn sie in bissgerechten stücken, jedes einzelne dieser „schalenaugen“ fein säuberlich entfernt, vor mir liegt. im besten fall am strand. nachdem ich mich eine woche lang drauf ausreden konnte, die frucht müsse noch nachreifen, plagt mich jetzt seit sieben weiteren tagen ein schlechtes gewissen, noch immer kein müsli mit ananas genossen zu haben. die zeit wird knapp. ich bin nicht genau im bilde, wie lang eine importierte ananas in mitteleuropa in einem kühlschrank überlebt, jedoch habe ich den verdacht, dass ihre halbwertszeit wohl schon überschritten ist. es wird wohl nicht mehr zu verhindern sein: ich muss mich ans werk machen.

nachdem ich etliche packungen griechisches joghurt, skyr und abgepackten käse zur seite geräumt und auf halbem weg ein plastiksackerl mit dem breiigen rest einer alten tomate entsorgt habe (warum zum teufel hab ich eine halbe tomate aufgehoben?), packe ich die stachelige südfrucht am schopf – und schneide mich gleich mal in den daumen. denn diese blätter sind ganz schön scharfkantig und während ich noch fluche, muss ich auch noch aufpassen, dass mir eine durch die entfernung einer tragenden cottage cheese packung ins rollen geratene bierdose nicht auch noch auf die zehen fällt. fängt ja gut an.

dennoch gehe ich unerschrocken ans werk. bewaffnet mit dem größten und schärfsten chefmesser, das ich besitze, hacke ich zuerst strunk und blätter ab und fühl mich ein bisschen wie indiana jones mit machete. da liegt sie nun. gar nicht mal so groß das ding, denke ich, wenn man erst einmal das lästige beiwerk entfernt hat. nun aber ist guter rat teuer. ich weiß, dass eine nicht grade erst geerntete ananas in der mitte einen fasrigen teil hat, den ich auch weghaben will. ich will natürlich das maximum aus der frucht rausholen, wozu macht man sich sonst die mühe (bzw hab ich den stolzen preis auch noch in erinnerung). wie komm ich also möglichst zielführend und abfallvermeidend zu meinen mundgerechten stücken? noch mal in der mitte auseinander – aber längs oder quer? einfach würfel schneiden und dann alles weg, was nicht schmeckt?

mir kommt eine -zumindest wie ich vorerst glaube- geniale idee. ich stelle die frucht auf und beginne, die schale abzusäbeln, indem ich flach an der seite entlang schneide. die ersten beiden schnitte funktionieren soweit gut, dann muss ich leider feststellen, dass zwar die oberste schicht weg ist, erst recht aber nicht die tieferen einschlüsse – die „augen“, die den sorgenfreien genuss einer ananas so heimtückisch vereiteln.

egal. munter mache ich weiter. ich versuche zu ignorieren, dass sich auf meinem schneidbrett mittlerweile eine latschn (lache) von ananassaft befindet, die sich langsam ihren weg über die arbeitsfläche meiner (noch ziemlich neuen) küche tropfend den weg zum boden sucht und sicherheitshalber auch in die laden und kasteln (schränke) reinsickert. ich schneide unbeirrbar  weiter und setze etwas zu schwungvoll zum letzten schnitt an. nun schwimmt in der ananas-suppe auch ein kleines stück meines linken ringfingers. bzw der fingerkuppe desselbigen. laut schimpfend lasse ich ananas und schneidmesser aus, mit dem erfolg, dass das werkzeug laut scheppernd und weiteren saft verspritzend nur zwei zentimeter neben meinen nackten füßen auf den boden fällt und ich mit der schwerst verletzten linken hand auch noch die losrollende ananas fangen muss. traumhaft, frischer ananassaft auf fleischwunde. hauptsache, die frucht ist gerettet.

ich versorge meine kriegsverletzung und versuche den mut nicht zu verlieren. kurz bin ich geneigt, doch die tiefgekühlten himbeeren fürs morgige frühstück aus dem gefrierfach zu holen, werde dann aber bockig. kann ja nicht sein, dass ich mich von einer ananas unterkriegen lasse. ich nehme also wieder das messer zur hand und schnipple zuerst das mit blut kontaminierte eck ab. der schnitt der länge nach zeigt, dass der mittlere teil dank des zweiwöchigen kühlschrankaufenthalts doch fasriger und härter als gedacht ist und großzügig entfernt werden muss. gut. die frucht ist mittlerweile auf ein drittel ihrer ursprünglichen größe geschrumpft und ich hab noch nicht einmal die schalenreste herausoperiert. was sich als die nächste große herausforderung herausstellt.

das chefmesser ist dazu nämlich zu groß und klobig. also muss was kleineres her. die messerlade lässt sich nur noch mit einem schmatzenden geräusch öffnen, als ich mir mit tropfenden händen ein handlicheres obstmesser herausnehmen will. offensichtlich ist der ananassaft bereits eingetrocknet. heißt also: wenn ich irgendwann den kampf gegen die südfrucht gewonnen hab, darf ich auch noch die küchenkastln nicht nur putzen, sondern schrubben. naja. was tut man nicht alles für den gesunden, weltoffenen start in den tag?

die augenoperation geht dank der wendigkeit des 2 euro – ikeamessers dann doch ganz gut voran. manche der dinger sind zwar durchaus hartnäckig, weil tief im fruchtfleisch verankert, aber ich bin hartnäckiger. mit der präzision eines hobbychirurgen ackere ich mich durch das, was noch übrig ist. als ich endlich fertig bin, liegt ein mittelgroßer haufen ananasmitaugen auf dem brett und daneben ein kümmerlicher rest essbarer frucht.

es ist eine dreiviertelstunde vergangen, als ich endlich die ananasstücke in ein weckglas schaufle und darüber ein griechisches joghurt spachtle, um dieses dann mit biologisch angebauten, unfassbar gesunden chiasamen dekorativ zu bestreuen. vorfreude empfinde ich keine mehr, und schon gar nicht, als ich mit der zahnbürste ananassaft aus den scharnieren meiner unterbauschränke putze.

eine weitere halbe stunde später sieht meine küche wieder so vorzeigbar aus, dass ich endlich das obligatorische instagram-bild machen kann. sonniger filter drüber. hashtags: #foodporn #nomnom #eatclean #eathealthy #easycooking

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4 Gedanken zu „arschobst

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