telefonat mit oma

es ist sonntag abend. einer dieser trägen, kalten, von zweiteweltkriegdokus auf ntv geprägten wochenendenden, wo sich der sonst so umtriebige stadtmensch hauptsächlich mit der frage beschäftigt hat, ob es sich wirklich auszahlt, extra zum kühlschrank zu gehen. oder ob man sich das käsebrot nicht bei der nächsten klopause zwischen hitlers weggefährten 1 und 2 zubereiten soll. dummerweise schleicht sich an solchen tagen gegen abend dann das schlechte gewissen ein und man fährt mit dem auto ins fitness studio, wo man sich wie ca. 100 andere stadtmenschen auf stationären fahrrädern, seltsam schwingenden crosstrainern oder noch viel schlimmer, wie ein hamster am laufband quält. nur, um nicht den aufgeschobenen abwasch oder die wäsche machen zu müssen, versteht sich.

verschwitzt fummle ich am schloss meines spinds in der umkleide herum, als ich schon das in diesem moment fast bedrohlich klingende läuten meines telefons in der sporttasche höre. dank individueller innerfamiliärer ruftonzuweisung weiß ich auch sofort, es muss meine großmutter sein. mein bruder liegt nämlich vermutlich genauso träge wie ich  noch vor zwei stunden auf der couch und würde mich nur anrufen, wenn hitlers weggefährten plötzlich vor der tür ständen. man sollte wissen, dass oma eine rüstige alte dame baujahr 1928 ist, die sich definitiv schon einiges mitgemacht hat. sie ist für ihr alter fit und lebenslustig, nur dummerweise hat sie hauptsächlich uns zwei enkel zur hand, die man am sonntag abend anrufen kann.

l: hallo oma. na wie gehts?
o: du, was mir da eingefallen ist…
(ok, wir wählen mal wieder den direkten einstieg. ist ja nicht so, dass man sich als vielbeschäftigte 88jährige mit floskeln aufhält)
die hat dich neulich geduzt!
(ich lasse das handtuch sinken und versuche mich angestrengt daran zu erinnern, wann mich jemand in omas anwesenheit geduzt haben könnte. keine chance. mein hirn ist im schlafsonntagsmodus)
l: ähm, was meinst? wo denn? wer?
(in der hoffnung, mein leicht sonntäglich-ermüdeter ton würde überhört werden)
o: na die in dem gschäft (=laden). mit der tasche.
(aaah, wie konnte ich das nur nicht mehr sofort wissen, damals, vor lächerlichen 5 wochen, wo wir gemeinsam für mich eine neue tasche ausgesucht haben – eine wirklich liebe geste, die mich auch ehrlich sehr gefreut hat, zumal ich für die sorte taschen eigentlich zu geizig bin)
l: ach weiß schon wieder. geh, ist doch nicht so schlimm. das ist halt heutzutage so. ist ja auch eine modeboutique! ich find das nicht arg.
o: hat die dich gekannt? des is eigentlich eine ganz schöne trutschn (=dumme gans)!
l: nein woher denn?
(immer noch angestrengt versuchend, den immer lauter werdenden und genervten unterton zu verstecken)
o: also ich finde das unerhört! das geht doch nicht! ich hab schon überlegt, mich zu beschweren! morgen wär ich eh mit der g beim u (der in-konditor für alles ab 60 in ihrer stadt), da könnte ich gleich ummi (=rüber) gehen.
(leichte panik kommt hoch. oh nein bitte nicht, die haben dort auch schlussverkauf und da gibt’s die schicken sachen auch zu preisen, für dich ich nicht zu geizig bin. und da oma nun mal mit ihrer art und vor allem großzügigen geldtasche gerne bei verkäufern in erinnerung bleibt, haben die meistens auch mich nicht vergessen und die schmach, den laden zu betreten und gesiezt zu werden, will ich mir eigentlich nicht antun)
l: nein oma, das brauchst du doch nicht, das war wirklich ok! echt – das macht man heute so.
o: man kann doch eine 33jährige nicht einfach so duzen!
(waaaas?)
l: oma! ich bin noch nicht mal 32!
(langsam werd ich wirklich grantig (=grummelig))
o: ajo. naja. das eine jahr auf oder ab…
l: naja so ist es nun auch wieder nicht!
(herrschaftsseiten, muss sie denn in meinen wunden stochern. wo ich mich doch grade in meinem üblichen „oh gott ich werd alt“ – depressionsmonat pünktlich vor meinem anstehenden geburtstag befinde)
o: ja ist ja auch egal. aber mit einem mann würde dir das nicht passieren, dass dich wer duzt! da haben sie respekt!
(ich versuche den eindeutig erkennbaren, aufgeregten, leicht vorwurfsvollen unterton zu überhören, der mir sagen soll: leg dir endlich einen mann zu und gebäre urenkel, es wird zeit)
l: also oma, wenn ich viel glaub, aber dass das davon abhängt, ob ich einen mann hab oder nicht, wage ich doch zu bezweifeln.
(ich betrachte eingehend meine durchgeschwitzte pinke neopren-ipodhülle  und bin irgendwie begeistert, wie grauslich (=eklig) der mensch so sein kann) 
o: was gibt’s da eigentlich neues?
(hoppala, wollten wir uns nicht eigentlich über die skandalöse duwort-verwendung aufregen?)
l: nichts. alles beim alten.
o: keinen kennengelernt? du solltest aber auch mehr rausgehen!
l: oma, ich muss viel arbeiten und da bin ich dann schon auch froh, wenn ich meine ruhe habe.
(oh ja, wie gern ich die besonders jetzt grade hätte!)
o: das gibt’s ja nicht! was sollen wir nur mit dir machen kind…. du solltest wirklich weniger springen, da lernst ja nur trotteln kennen!
(leidender ton und aja, jetzt auf einmal, vorher war ich noch 33 und quasi knapp vorm verschrumpeln)
l: es ist wirklich alles gut!
o: bist grantig? du klingst so.
l: nein nein, alles ok, ich hab nur grade meinen autoschlüssel gesucht…
(gott möge mir diese kleine notlüge verzeihen, in wirklichkeit habe ich grade beschlossen, mir eine neue ipodhülle zu gönnen)
o: na dann… gut. wann seh ma uns denn wieder mal?
(puh, aaaahm…)
l: puh, aaaaahm… ich muss schaun, vielleicht geht’s sich nächste woche aus.
o: ist ja auch schon wieder so lange her!
l: ich hätt gsagt, ich melde mich so mitte der woche bei dir und dann schauma (=schauen wir)?
o: gut. freu mich. dann noch an schönen abend! ach ja und überleg dir, was du dir zum geburtstag wünschst! pfiati (=tschüss) georg, ah gabi, ah hilde, ah elisabeth! 
(naja kann ja mal passieren dass man da die namen des enkels, der verstorbenen tochter und schwester und der enkelin, mit der man grade spricht, durcheinander bringt)
l: passt, wir hören uns. pfiati!

an der rezeption verabschiedet mich die mitarbeiterin mit „baba (=ciao), schönen abend wünsch ich dir noch!“ wenn das mal die oma wüsste…

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