übermut tut selten gut

nach einer woche, in der es zu keinen gröberen schoko-eskalationen und hinterhältigen kuchen- oder cupcakeattacken im büro gekommen war, fühle ich mich so gut, dass ich überlege, mir eine neue jeans zu gönnen. wer frauen kennt, weiß, dass nichts so schlimm für das eigene ego ist wie das kaufen zweier kleidungsstücke: jeans (gut sitzende, dem hintern schmeichelnde zumindest) und bikinis (wobei man sicher diskutieren könnte, ob ein paar stücke stoff als kleidungsstück zu werten sind). für mich persönlich ist ja insbesondere das probierprozedere bei den beiden varianten eine qual. ich hasse es, mich permanent an- und auszuziehen und bin mehr so der typ „ich probiers zu hause und notfalls bring ichs zurück“ – käufer und liebe online shopping. bei jeans und bikinis geht das leider nicht so wirklich gut. weswegen ich ausgesprochen selten eben diese kaufe. aber da das wetter mitte mai in diesem jahr eher lust auf das besorgen einer neuen winterjacke macht statt auf einen hauch von nichts, fällt meine wahl eben auf jeans. man muss sich schließlich auch hin und wieder belohnen, oder?

gut ausgerüstet mit einem hippen cappucino to go und per whatsapp von einem lieben freund unterstützt starte ich also auf die einkaufsstraße. obwohl eigentlich nicht meine präferierte adresse für jeans, betrete ich dann auch gleich als erstes gut gelaunt ein geschäft einer spanischen kleidungskette mit dem namen einer exotischen frucht und werde schier überrollt von einer welle von sommerfarben und luftigen schnitten. auf einmal -übermütig geworden durch die ach so gesunde woche- kommt mir die idee, ich könnte doch zusätzlich zum jeansvorhaben einmal wieder kleidungsstücke probieren, die ich sonst maximal mit einem zweifelnden blick betrachten würde. ein fataler fehler wie sich kurz darauf herausstellt. schon oma hat immer gesagt: übermut tut selten gut.

mit gut 30 jahren ist man eigentlich schon ganz gut dazu in der lage abzuschätzen, was einem steht, was nicht, für was man zu alt ist, für was definitiv noch zu jung und -wohl auch das wichtigste- was gewisse vorzüge betont und was nicht so tolle stellen sagen wir mal optimiert. ich würde sogar so weit gehen zu sagen, ich habe mittlerweile einen gewissen eigenen stil entwickelt und fehlkäufe daher auf ein minimum reduziert. aber hey – ist das wirklich alles?

an jenem samstag vormittag bin ich fix davon überzeugt, nein, das kann nicht alles sein. und ich greife zu kreativen schnitten, interessanten mustern und ungewöhnlichen materialien. der obstnamen-laden ist da ja immer ganz vorn dabei. ich stapfe auf die umkleiden zu, wo mich eine hübsche dunkelhaarige frau begrüßt, die in ihrem einheits-outfit absolut umwerfend aussieht. dazu ist sie perfekt geschminkt und ihre haare fallen wie eine wasserfall als zopf über ihren rücken. ich beginne, mich langsam klein, dick und hässlich zu fühlen. ach ja, und alt nicht zu vergessen.

manchmal fragt man sich ja bereits beim betreten einer kabine in einem kleidungsgeschäft, ob die überhaupt ernsthaft interesse daran haben, ihre klamotten auch zu verkaufen. in diesem fall befinde ich mich in einem von oben neonbeleuchteten kabuff von ca 1,2 mal 1,2 metern und ein schwerer schwarzer samtvorhang trennt mich von der grazilen schönheit, die inzwischen berge von kleidung auf hängern sortiert. warum, wird mir auch sofort klar, als ich mich etwas behindert von wänden, die immer näher kommen zu scheinen, aus meiner jeans schäle.

mit oder ohne cupcake-attacken, ich bin eine ziemlich sportliche person und schau durchaus auch drauf, was ich so esse. und natürlich begutachte ich mich regelmässig im spiegel und analysiere, ob man vielleicht doch eine runde lowcarben am abend einlegen sollte, damit das popscherl (=der po) eine spur kleiner und dafür die paar mühsam antrainierten muskeln schöner definiert werden. man sollte also meinen, so eine kabine kann kein drama sein.

pah. unbarmherzig ballert das neonlicht von oben auf mich herab und jede noch so kleine, unter normalen umständen vermutlich für gewöhnliche menschen nicht einmal sichtbare unebenheit oder in der fitnesssprache liebevoll genannt „delle“ bekommt die optik eines mondkraters. dadurch, dass ich so knapp vorm spiegel stehen muss (1,2 meter sind halt auch einfach nicht wirklich viel), ist es unmöglich, eine perspektive zu finden, in der ich ansatzweise so aussehe wie mein gewohntes spiegelbild zu hause. der hintern erscheint riesig, der busen dafür mickrig. und verdammt, die sneakerbedingen supermansocken machen selbst zur spitzenunterwäsche leider den ersten gesamteindruck nur noch schlimmer.

ich unterdrücke das aufkeimende gefühl des unbehagens und probiere das erste kleidchen. ein flatterndes etwas mit wildem muster auf einer farbe, die irgendwo zwischen senf und frisch erbrochenem babybrei liegt. ob das neonlicht oder meine noch nicht vorhandene bräune dran schuld sind, dass ich nicht so hippiesk-souverän aussehe wie die models in den magazinen, weiß ich nicht. kann auch sein, dass es daran liegt, dass die ungünstige beleuchtung mir graue augenringe und hängewangen zaubert statt sonnengebräuntem teint. auf jeden fall verwandelt sich das aufkeimende unbehagen innerhalb von wenigen sekunden in blankes entsetzen und ich greife schnell zum nächsten teil. kann ja wohl kaum noch schlimmer werden. oooh wie naiv ich doch bin.

allgemein wird ja behauptet, so genannte high waist teile sind günstig bei breiten hüften. weil ja unten alles verdeckt und der blick wird auf die taille gerichtet. also laut experten ideal für frauen wie mich. das mag schon sein. in diesem fall hat der blick aber gar keine chance bis zur taille zu kommen, denn der rock, der mich spontan an den scheußlichen lampenschirm meiner verstorbenen großmutter erinnert, hört an der ungünstigsten stelle meiner oberschenkel auf. man kann ihm jetzt nicht vorwerfen, die breiten hüften wären nicht verdeckt, so ist das ja nicht. dafür betont er eine stelle meines körpers, die trotz stundenlangen rennradtouren und all den schweißtreibenden bodyweight workouts wohl nie so aussehen wird, dass ich den leuten zeigen möchte: he schaut euch doch bitte diese 20 cm meiner schenkel an! also landet auch dieses kleidungsstück auf dem „fix ned“ haufen (= berg), kaschierter hintern hin oder her.

dieser haufen wird in den nächsten 10 minuten immer höher. und der berg für „nehmen wir“? existiert nicht. denn auch die anderen 7 ach so stylishen teile erweisen sich als desaströs. ich gebe zu, den midirock hätte ich fast genommen. ich hab dafür extra auch die supermansocken ausgezogen und mir versucht, barfuss auf den zehenspitzen grazil tänzelnd und so high heels simulierend kombinationsmöglichkeiten zu ersinnen. bis mir eingefallen ist, dass ich einen ziemlich ähnlichen rock erst vor ein paar wochen in die altkleidersammlung geschmissen hab. zermürbt beginne ich mich wieder anzuziehen und auf einmal mag ich mich nicht mal mehr im samstäglichen wohlfühl-outfit.

draußen wartet die kleidungs-elfe mit perfektem teint bereits und meint mit einem verständnisvoll-mitleidigen blick, ich könne ihr das zeug eh da lassen. erleichtert lasse ich leicht verschwitzt die last auf den tisch fallen und trete die flucht an. es ist vorbei. gott sei dank.

draußen auf der straße ist guter rat teuer. das motivierte ego ist auf ein minimum gestaucht und da ist eine weitere gröbere enttäuschung durch eine endlose reihe an schlecht sitzenden oder nicht passenden jeans natürlich übel für die psyche. dennoch bin ich immer noch geldausgebestimmung. da strahlt mich gleichsam wie das licht am ende des berühmten tunnels mit großen lettern ein schuhgeschäft an. schuhe sind gut. bei schuhen hat man immer die gleiche größe. selbst nach zwei double chocolate cupcakes täglich. schuhe machen den hintern nicht groß. schuhe machen den busen nicht klein. schuhe können seltsam aussehen, aber niemals so furchtbar wie gekotzter babybrei mit etnomuster in flatterform. man kann selbst die verrücktesten schuhe mit gewohnten klamotten tragen und so was neues ausprobieren, ohne wie ein lampenschirm auszusehen. schuhe sind barmherzig. schuhe sind dein freund.

15 minuten und 70 euro später ist meine seele gestreichelt und mein schuhschrank um ein paar high heels reicher. es kann so einfach sein.

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